Der Brooks Steinfurt-Marathon ist einer der größten Marathonläufe in Westfalen und gilt als Erfinder der „Brems- und Zugläufer“. Zu laufen ist ein Zwei-Runden-Kurs durch die Stadtteile Borghorst und Burgsteinfurt mit jeweils 64 Höhenmetern.
Da ich Lauftrainer bin und weiß, dass man aus Fehlern am besten lernt, habe ich mich entschlossen diesen Marathon mit einer persönlichen Schilderung des Rennverlaufes und daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen zu schreiben.
Mein Steinfurt-Marathon 2007
Ich habe mich richtig super gefühlt. Gute Stimmung, Zuversicht, das nicht gerade optimale Wetter macht mir überhaupt nicht aus. Mir hat alles gepasst.
Mutig habe ich mich am Start hinter Brems- und Zugläufer 2:59 Stunden positioniert. 3 Stunden entsprechen einem Schnitt von 4:15 min/Kilometer.
Es regnet, ein fieser Wind bläst uns ins Gesicht.
Die Zugläufer legen nach dem Startschuss um 13:45 Uhr gleich im richtigen Tempo los, es geht vom Start weg leicht berghoch. Mir fällt es schwer dran zu bleiben, ich entscheide mich schon auf dem ersten Kilometer nicht zu folgen und doch lieber mein eigenes Tempo zu laufen. Das hatte ich mir im Vorfeld so vorgenommen, im Zweifelsfalle auf mein Körpergefühl zu hören und nicht mir fremden Brems- und Zugläufern zu vertrauen.
Kilometer 1 in 4:20 min, Kilometer 2 in 4:23 min. Ich bin langsamer als gehofft, mein Puls ist höher als erwartet, ich entscheide, mich nicht durch die Uhr verunsichern zu lassen und bis auf weiteres nicht mehr drauf zu schauen. Das nächste Mal habe ich die Uhr erst bei Kilometer 28 wieder beachtet.
Es bleibt auf den ersten 5 Kilometer wellig, bis Kilometer 5 hat mir die 3-Stundengruppe immerhin aber nur 25 Sekunden abgenommen. Die weite Sicht über die Felder macht den Rennverlauf sehr übersichtlich.
Ich bin inzwischen gut drauf, zweifele was besser ist, alleine etwas langsamer zu laufen oder in der 3-Stundengruppe schneller.
Entscheide mich wieder aufzulaufen. Das kostete zwar Kraft, aber ich habe ein Ziel und das schafft Ablenkung. Das Auflaufen macht Spaß. Bei Kilometer 10 bin ich wieder in der Gruppe, rechtzeitig vor der angekündigten Gegenwindpassage auf der Bundesstraße.
Das Heranlaufen hat Selbstbewusstsein gegeben, habe meine Kraft gespürt, ein gutes Gefühl. Dennoch, die Gruppe ist zu schnell, statt einer Durchgangszeit von 1:29 erreichten wir die Halbmarathonmarke bereits nach 1:27 Stunden. (Wie ich später erst erfuhr). Bin gut drauf, mir wird bewusst, dass ich nie ans Aussteigen gedacht habe, obwohl es sich um einen 2-Rundenkurs handelt.
Respekt kommt auf, vor der welligen Passage am Start in die zweite Runde. Ich erinnere mich an die schweren ersten 5 Kilometer, als ich die Gruppe habe ziehen lassen müssen. Beschließe nicht - wie in der ersten Runde – abreißen zu lassen. Es war hart zwischen Kilometer 22 - 24, Kilometer 25 ging bergab, ein Mitläufer ruft ‘Bestzeit auf einem Kilometer in 3:56 min.’ Die Jungs waren deutlich zu schnell. Vielleicht war dieser Zuruf für mich der Knacks im Rennen. Mir wird bewusst, dass dieser letzte Kilometer in meinem Halbmarathontempo gelaufen wurde und - wie gesagt - ich hatte seit Kilometer 2 nicht mehr auf die Uhr geschaut, meinem Gefühl vertraut. Jetzt aber fing ich an zu grübeln. Ob das gut geht?
An der Verpflegungsstation nach Kilometer 26 muss ich einige Meter abreißen lassen, um mich mit Wasser zu versorgen, das Zulaufen der 20 Meter Abstand zu den Zugläufern strengt unheimlich an. Stärkere Zweifel kommen auf. Bei Kilometer 28 ist die immer kleiner werdende Gruppe wieder 40 Meter weg, ich schaue erstmals auf die Uhr, knapp unter 2 Stunden wäre richtig gewesen, die Uhr zeigt 1:58 Stunden an.
Krämpfe im Oberschenkel zucken durch die Beine. Ein großer Schrecken, muss das Tempo drosseln. Beschließe wieder mein eigenes Rennen zu laufen, nicht auf die Uhr zu gucken, bis Kilometer 35. Die Krämpfe nehmen zu, ich erinnere mich, dass der letzte Bluttest vor 4 Wochen einen Magnesiummangel bei mir ergeben hat. Daher die Krämpfe? Der Kopf arrangiert sich mit meinem Bummeltempo, nur nicht mit Krämpfen stehen bleiben oder aussteigen müssen.
Ich verliere auf die Durchgangszeit bei Kilometer 28 auf den letzten 14 Kilometern elf Minuten, statt 4:15 min/km nur noch im Schnitt 5:15. Egal.
Ein seltsam positives Gefühl steigt in mir auf. Ich habe bis Kilometer 28 ein tolles Rennen gelaufen, ich fühlte mich kraftvoll, auch wenn die Muskeln im Oberschenkel nicht mehr mitspielten. Kraftvoll trotz Krämpfen, darüber muss ich noch nachdenken. Ich bin nicht traurig über meinen Einbruch, laufe zwar mit einem angestrengterem Gesichtausdruck als mir lieb war, aber zufriedenem Gesamteindruck nach 3:09 Stunden als 37. von 519 Männern über die Ziellinie.
Nach 4 Jahren mein erster zügiger Marathon. Ich habe es wieder drauf, werde beim nächsten Mal sicher schneller laufen können.
Persönliches Fazit:
64 Höhenmeter auf 21,1 Kilometern sind wirklich nicht viel, ich habe beim Lesen der Ausschreibung darüber nur amüsiert gelächelt. Wenn jedoch Gegenwind oder Rückenwind dazu kommen, kann dies zu sehr beschwerlichen Steigungen oder, im besten Fall, sehr angenehmen Gefällen führen. Es tut gut daran, wer sich besser vorbereitet. Jetzt weiß ich, dass auf den ersten 3 Kilometer 35 Höhenmeter Steigung auf die Läufer wartet, weitere 15 bei Kilometer 6,5 und wiederum 14 zwischen 18,5 und 19.
Verbunden mit der Kenntnis der Strecke hätte ich besser auf mein Körpergefühl hören sollen. Am Start habe ich alles richtig gemacht und meinen Eifer gezügelt, das gute Gefühl beim leichten Gefälle nach 3 Kilometern habe ich jedoch falsch interpretiert. Das Auflaufen auf die Gruppe hat zu viel Kraft gekostet.
Auch im Training habe ich einen Fehler gemacht. Ich habe bei meinem Trainingsplan einen letzten langen Lauf über 28 Kilometer genau eine Woche vor dem Marathon gesetzt. Das würde ich meinen Kunden verbieten. Wahrscheinlich resultieren die Muskelschmerzen auch aus der mangelnden Regeneration der Muskeln.
Mit Maxim-Gel als Energielieferant bin ich gut gelaufen. Zu prüfen ist, ob es dennoch zu einer Unterversorgung mit Mineralien kam, ich daher ‘kraftvoll trotz Krämpfen’ war.Meine Ernährung am Vormittag mit Haferschleim war ebenfalls optimal. Mein dritter Versuch, das nicht gerade anspruchsvolle Rezept auf Magen- und Renntauglichkeit zu verbessern, war offensichtlich erfolgreich. Bei Interesse schicke ich es gerne auf Mailanfrage zu.
Die Brems- und Zugläufer haben ihren Job nicht optimal erfüllt. Sie hätten erstens, weniger auf den Einzelkilometerschnitt als mehr auf den Gesamtschnitt achten sollen. Berghoch lieber langsamer und bergab lieber schneller laufen.
Zweitens sollten Sie an den Verpflegungsstellen das Tempo rausnehmen. Die ersten einer Gruppe, die Zugläufer also, bekamen gut gefüllte Becher gereicht, die Hinteren jedoch mussten manchmal auf nachzufüllenden Becher warten und die Lücke dann mühsam aufschließen.
Die Durchgangszeit bei der Halbmarathonmarke war, drittens, zwei Minuten zu schnell. Sechs Sekunden pro Kilometer schneller, ist für Läufer, die an der Leistungsgrenze laufen, nicht zu verkraften.
Dennoch, es bleibt jedem Läufer selber überlassen sich bremsen und ziehen zu lassen. Wenn man als erfahrener Läufer merkt (und das sollte ich nach 70 Läufen über Marathon und mehr doch sein), dass die Zugläufer ihren Job nicht optimal beherrschen, sollte man den Mut haben sein eigenes Rennen zu laufen.
Ein Erlebnisbericht von
Andreas Butz