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Hey Garmin, Laufen ist niemals „unproduktiv“

Hey Garmin, Laufen ist niemals „unproduktiv“
von vor 26 Tagen 6200 mal angesehen Keine Kommentare

Warum die Beschreibung des Trainingszustandes durch Garmin oft für Ärger sorgt

Liebes Garmin-Team,

bitte befreien Sie uns Sportler von dieser unschönen Formulierung, die von vielen als Beleidigung empfunden wird. Wenn Sie uns nach Beendigung des Trainings – in nur einem Wort – Ihre Zusammenfassung der soeben von uns geleisteten Kilometer, Höhenmeter, Stunden und Minuten präsentieren, dann möchten wir bitte eines nicht lesen: „UNPRODUKTIV“.

Ja, Laufen kann einseitig sein oder idealerweise abwechslungsreich, anstrengend und auch regenerativ, mal zu hart oder mal zu lasch, die Fitness richtig voranbringen, zumindest erhalten oder auch zu Übertraining führen. Für viele von uns ist Laufen jedoch einfach nur die wunderbarste Art, einen gesunden Lebensstil zu pflegen und sportliche Ambitionen auszuleben.

Laufen ist vor allem aber Bewegung und kann daher niemals „unproduktiv“ sein.

Seit ziemlich genau einem Jahr vertraue ich der Garmin Fenix 6x Pro und bin seither über 4.000 Kilometer gelaufen (geschrieben am 03.10.2020). Der Sportcomputer macht mir wirklich große Freude. Die meisten Funktionen sind top und sind standardsetzend in ihrem Segment. Mein Kompliment. Mein größter negativer Kritikpunkt an der Technik gilt der Handgelenksmessung. Der Fehlbarkeit sind Sie sich aber bewusst und sprechen von „Technologie verbundenen Einschränkungen, die unter bestimmten Umständen dazu führen können, dass einige der Herzfrequenzmesswerte ungenau sind“. Andere Hersteller tun sich deutlich schwerer damit dies so deutlich zu formulieren.

Uns ambitionierten Sportlern und Lauftrainern, für die eine präzise Trainingssteuerung sehr bedeutend ist, bleibt für die Herzfrequenzmessung der Brustgurt mit Herzfrequenzsensor, den ich als sehr zuverlässig erlebt habe.

Bei diesem Anlass: Schade ist, dass Sie noch kein Produkt zur optischen Pulsmessung am Oberarm haben. So muss man hier auf andere Sportmarken zugreifen und deren gute Produkte via Bluetooth mit der Garmin Sportuhr koppeln, was sehr gut klappt. Die optische Messung am Oberarm ist der Handgelenksmessung deutlich überlegen, aus meiner Sicht auch sehr präzise und vom Tragekomfort her viel angenehmer als ein Brustgurt mit HF-Sensor.

Wenn jedoch eine unpräzise Technologie, wie die Handgelenksmessung, zudem zu falschen von Garmin automatisierten Schlussfolgerungen beiträgt, ist dies doppelt ärgerlich, was mich zu meinem eigentlichen Thema zurückführt, dem leidigen Wort „unproduktiv“.

Drei Gründe "unproduktiv" für immer aus Ihrer Wortwahl zu verbannen

Vorausgesetzt die Messung von Puls oder Herzfrequenz sind präzise und die Einstellung der Sportuhr wurden vom Athleten korrekt vorgenommen, kann die Einschätzung des Trainingszustands für den Sportler einen Mehrwert an Erkenntnis bringen und zur gewünschten Reflexion führen, ob das Training gerade so richtig läuft. Dies gilt natürlich vor allem für Sportler, die keinen Trainer haben, der die Trainingsaufzeichnung mit Expertenwissen analysieren und für seine Athleten fachmännisch kommentieren kann.

Womit ich nach der 1. Handgelenksmessung gleich zur zweiten Unwägbarkeit kommen, um den Trainingszustand präzise zu beschreiben, 2. die maximale Herzfrequenz (Hfmax). Leider glauben immer noch viele Sportler an die gleichermaßen bekannten wie falschen Faustformeln zur Bestimmung der maximalen Herzfrequenz (siehe auch: Der Maximalpuls). Sie, liebes Garmin Expertenteam wissen genauso gut wie ich, dass die Hfmax individuell ist, von Mensch zu Mensch, auch gleichen Alters und gleichen Geschlechts, sehr schwanken kann und zunächst durch einen Selbsttest, wie dem LC1000, oder einer Leistungsdiagnostik als Laufbandstufentest bestimmt werden sollte. Eine Trainingszustandsbeschreibung kann bei Hfmax-Fantasiewerten natürlich weder einem Laufexperten noch einer Garmin-Software gelingen.

Nun denn, nehmen wir den besten Fall an, die Uhr wird mit Herzfrequenzsensor und Brustgurt betrieben und die Hfmax – durch eine Leistungsdiagnostik ermittelt – korrekt voreingestellt, so bleibt die automatisierte Bewertung des Trainingszustands immer noch eine schwierige Sache. Denn es gibt 3. Trainings oder Trainingsphasen, die kann Ihre Garmin Software scheinbar nicht fair bewerten. Und so riskiere ich als Athlet den Kommentar „unproduktiv“,

  • wenn ich vor einem Wettkampf eine längere Taperingphase mache, zum Beispiel in den letzten drei Wochen vor einem Marathon den Trainingsumfang deutlich reduziere
  • wenn ich nach einem Wettkampf eine längere Regenerationsphase einlege, z. B. nach einem Halbmarathon zwei drei Wochen deutlich geringere Umfänge mache
  • wenn ich auch nur eine Regenerationswoche einlege, in der ich sowohl die Umfänge, als auch die Qualität reduziere, z. B. keine Tempowechseltrainings einlege
  • wenn ich innerhalb meines Trainings 10 bis 20 Minuten Lauf-ABC einlege, damit auf wenigen Kilometern einen hohen Puls habe
  • wenn ich Athletikübungen in mein Lauftraining einbaue. Zugegeben ein Sonderfall. Bei Laufcampus nennen wir dies "Athletic Running" und unterbrechen mit unseren Laufkursteilnehmern alle paar Minuten das Laufen für einen Satz Übungen, z. B. Ausfallschritte, Hockstrecksprünge etc.

All diese fünf Trainingsphasen sind alles andere als unproduktiv, vielmehr führen sie zu einer Formverbesserung, sei es durch Regeneration, Verbesserung des Laufstils oder der allgemeinen Athletik!

Ebenso falsch ist "unproduktiv",

  • wenn ich kein sportliches Ziel habe und deshalb nur „laufe“ und nicht „trainiere“. Wenn Laufen der Selbstzweck ist, der Sportler keine unterschiedlichen Reize setzen will, trainiert dieser natürlich einseitig. Doch diesen Sportler für die Ausübung seines Hobbys mit „unproduktiv“ zu beleidigen ist extrem unschön.

Liebes Garmin-Team,

auch im Namen vieler Lauftrainer-Kollegen aus unserem Laufcampus Trainer Netzwerk und zahlreicher durch uns betreuter Sportler und Garmin-Fans, schaffen Sie hier bitte Abhilfe. Folgende Möglichkeiten sehe ich:

  • Finden Sie statt der enttäuschenden Beschreibung "unproduktiv" ein anderes Wort, oder auch zwei, drei Wörter (bspw. „keine Verbesserung“; „aktuell einseitiges Training“).
  • Deaktivieren Sie diese Einschätzung. Braucht es überhaupt zwischen „Formerhalt“, „Erholung“ und „Formverlust“ noch eine weitere Zustandsbeschreibung, die „unproduktiv“ rechtfertigt?
  • Verbessern Sie Ihren Automatismus/Ihren Algorithmus, um die oben beschriebenen Trainingssituationen besser erkennen und bewerten zu können
  • Schaffen Sie die Möglichkeit, die Bewertung Trainingszustand manuell zu deaktivieren. Welcher Jogger will sich von seiner Lieblingsuhr schon beleidigen lassen?
  • Klären Sie Ihre Kunden noch deutlicher auf
    • über die Schwächen der Handgelenksmessung, dies idealerweise schon vor dem Kauf, damit nicht erst die Unzufriedenheit wächst, auf die dann eine Fehlersuche im Web folgt, wo man auf andere Unzufriedene trifft
    • über die Notwendigkeit, die Hfmax korrekt ermitteln zu lassen

Wie oben schon gesagt, liebes Garmin-Team, Sie haben sehr gute Produkte, die bei korrekter Anwendung den Sportlern viel Freude machen können. Nehmen Sie daher auch diesen konstruktiven Hinweis bitte ernst und verbessern Sie die Beschreibung und Beurteilung des Trainingszustands Ihrer Kunden.

Herzliche Grüße sendet

Andreas Butz


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So synchronisiert man Garmin mit der Laufcampus Web App

Wenn Sie einen Trainingsplan in der Laufcampus Web App (Start via Potenzialanalyse unter www.laufcampus-training.com) haben, verfügbar für alle üblichen Situationen, vom Laufanfänger-Dasein bis hin zum Marathon, dann können Sie die Trainingsaufzeichnung Ihrer Garmin mit dem Trainingsplan synchronisieren und einen Soll-/Ist-Vergleich machen. Und so geht's: